Bild 13 

Der Aarstein

Auf dem leider etwas verschwommenen Bild treten die Steinmetzarbeiten am Aarstein verhältnismäßig deutlich zutage (von links): das Wächter-/"Petrus"-Relief unter dem Felsendach, allerdings nur schemenhaft; das Kreuzabnahme- und darunter Drachen-/"Adam & Eva"-Relief  nach dem  "Petrusgang" (Grottenzugang), alles erhaben gestaltet; rechts davon der in den Fels eingetiefte Aar/Adler über der Adlertür. 

 

 

 

Der Einäugige

Die Rechte der frontal stehenden lebensgroßen Figur hält in der aus dem Ärmel des Kleidungsstückes über dem Bauch heraus schauenden Faust einen Schlüssel (?) oder eine Waffe (?). Das Kinn der Figur ist auffallend ausgeprägt (Kinnbart?, so auffallend ausgeprägt wie bei den männlichen Figuren auf gotländischen Bild-steinen).  Einäugig ist die verwitterte Figur, - wie Walvater (Bez. f. Wodan; ahd. Wal = Aue, Kampfplatz, Schlachtfeld), der für Weisheit ein Auge an Mimir verpfändet hat. Der linke Arm hebt sich aus seinem weiten, fußlangen Gewand. Von der verdeckten Hand (das Tuch ist über die Hand geschlagen) fällt ein langes, rechteckiges Tuch senkrecht herab. 

 

Gemeint ist der steinerne Wächter, die stark verwitterte Figur in der "Petrusni-sche", rechts vom Felsentunnel (Bild  14, unten mit eigenhändiger Umriss-zeichnung). Rechts der Figur öffnet sich das Tor mit dem "Petrusgang" zur Hauptgrotte im Aarstein. Wegen des vermeintlichen Schlüssels in der rechten  Hand wird die Figur „Petrus“ genannt 11). Einäugig muss das Gesicht ursprünglich nicht gewesen sein. 

 

Dieser Wächter trägt also auch das eigenartige, vom Arm herabfallende Tuch. Man darf es als unerheblich betrachten, ob das Tuch nun spitz oder rechteckig ist. Bis auf weiteres darf gelten, dass es sich bei den Schalträgern um Autoritäten handelt, die durch die Dekoration als Amtsträger gekennzeichnet sind. Möglicherweise trugen die Priester solche Rangzeichen, wie das mit der Stola auch heute noch vornehmlich bei katholischen Messfeiern üblich ist, - damals wohl bei den sächsischen Engern am Externstein rechteckig, bei den Gotländern spitz, hier wie dort mit gleicher Bedeutung. 

Es fällt auf, dass die mit Stolen/Schals geschmückten Figuren auf den bezeich-neten Steinen im Gegensatz zu den übrigen Figuren vorherrschend knöchellange Gewänder tragen, wie jener Wächter in der „Petrus“-Nische der Externsteine auch. Und der „Schlüssel des Petrus“ ist artgemäß der Waffe (Sax !), die dem Gefallenen in der obersten Ebene des Tängelgarda-Bildsteins (Bild 9) in die Hand gegeben ist. Das ausgeprägte Kinn des Petrus ist jedenfalls symptomatisch für einen gotländischen Bildstein-Mann. 

Welche Stellung genau die Tuch und zugleich Waffen tragenden Würdenträger (Priester?, Meister?) in der sächsisch/nordischen vorchristlichen Gesellschaft eingenommen haben, ist unklar.  Diese Spezies Respektperson wartet neugierig auf seine Entkleidung. Die Experten wussten und wissen sich in dieser Hinsicht noch keinen Rat, Lindquist so wenig wie Nylen und Lamm. 

 

Nachtrag vom 09.10.2016  

 

Katholische Bischöfe, Priester und Diakone, in den Ostkirchen auch Lektoren, tragen als "Amtsabzeichen" eine Stola als liturgisches Gewandstück. Diakone tragen sie als Schärpe über der linken Schulter (Quelle: Wikipedia u.a.). In  der Beschreibung bei Wikipedia ist eine Stola mit abnehmbaren Schutzkragen und mit Quasten abgebildet. Bei der Spendung des Ehe-Sakramentes wird die Stola über die ineinandergelegten Hände der Brautleute geschlagen. 

Die Stola wird in Gallien im 6. Jhd., in Rom erst im 8./9. Jhd. als bischöfliches Rangabzeichen getragen und als ein symbolkräftiges liturgisches Gewandteil bezeugt. Betrachtet man die auf den gotländischen Bildsteinen wiedergegebenen Würdenträger (Bilder 5 und 6 sowie 9 und 10), so dürfte die Verwendung der Stola bei religiösen Feiern und Opferfesten der Germanen der vielfältigen liturgischen Verwendung im Christentum vorausgegangen sein. Und eben diese Folgerung bezeugt auch der einäugige Stolaträger vor dem Zugang zur Grotte im Aarstein der Externsteine. Lange bevor die Kirche ihre Priester mit diesem Rangabzeichen ausrüsteten, zeigten  sich germanische Schamanen im Zeichen ihrer Würde. Als die Steinmetzkunst in der vollkommenen Art wie auf Gotland und am Externstein beherrscht wurde, konnten auch die unterschiedlichen Bekleidungs-Details den Betrachtern vorgestellt werden, wie sie vermutlich seit Hunderten von Jahren entwickelt wurden. Auch Quasten haben die Bildhauer der Gotländer auf ihren Kunstwerken zur Ansicht gebracht. Die katholische Kirche hat diese Insignien ständischer Obliegenheiten zu gegebener Zeit übernommen. Wie so vieles Symbolhafte aus urgermanischen Festlichkeiten leben auch Stola und Quast nach dem Sieg über das Heidentum im Christentum fort. 

 

Der Einäugige am Aarstein jedoch beweist: die Würdenträger germanischer Herkunft hatten andere Aufgaben als ihre christlichen Nachfolger. Sie mussten Krieger sein mit dem Sax in der einen Hand und Priester mit der Stola über der anderen. 

 

11)  Speckner bietet S. 121 ein meisterhaftes Foto

 

 

 

 

 

Bild 14

Der Wächter vor der Grotte

Die Umrisse wurden erst nach einge-hendem Studium der Gestalt vor Ort, was unabdingbar ist, auf eigenem Foto nachgezeich-net. Das von der Hand herabfallende Tuch weist die Person als Würdenträger aus. Die Figur ist vor dem Zugang zur Grotte errichtet, was erahnen lässt, dass sie als der Hausherr zu gelten hat. Ich erlaube mir, sie "Der Wächter" zu nennen. Mag sein, dass auch diese Benennung unzutreffend ist. Aus der Überzeugung heraus, dass diese Figur heidnischen Ursprungs ist, kann es Petrus unmöglich sein. 

 

 

  

 

 

Bild 15

Der Adler am Aarstein.

Auch die genauen Umrisse des Vogels über der Adlertür sind nur vor Ort zu erkennen. 

Der majestätische König der Lüfte ist seit je ein beliebtes Symbol der Macht und kehrt vielfach Achtung gebietend nicht nur auf gotländischen Bildsteinen wieder. 

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© Der Götterwald Autor Siegfried Schröder Alle Rechte beim Autor