Bild 7 

Das Foto zeigt den sogen. Sargstein, ein Arcosolium resp. Bogengrab und stammt aus der Zeit der Grabungstätigkeit von Prof. Julius Andree (1934/35). Auf dem Plateau befindet sich das vom Pfeil bezeichnete, nebenan vergrößert wiedergegebene Zeichen. Das Zeichen ist keine Rune. Man könnte es als ein frühes Steinmetzzeichen betrachten. Der Felsblock liegt unterhalb des Aarsteins am See. Der heutige Fußweg vor dem See führt direkt zu diesem Bogengrab. Auf dem Foto kommt die Menschenform in der mit einem Wulst überwölbten Nische gut zur Geltung. 

Auch der Bogen über dem Fenster der Nebengrotte ist mit einem solchen Wulst versehen (Kap. Motivsuche Bild 15). 

 

Bild 8

Der Bildausschnitt des Bildsteins von Lärbro St. Hammars I zeigt ausgerechnet eine absolute Rarität im mittleren Europa, ein Arcosolium. Wir sehen hier das Bogengrab vom Externstein mit den beiden Stufen unter der Nische. Das mit dem Wodans-Speer getötete bzw. zu tötende Opfer liegt genau in der Ebene, wo auch die menschliche Ausformung mit Kopf im "Grabstein" sich befindet (siehe Bild 7). Das steinerne Bild lässt uns teilhaben an einer blutrünstigen dreifachen rituellen Opferhandlung. Zur Opferung für den höchsten germanischen Gott, Wodan, sind vorgesehen: links ein Hängeopfer, mittig das vom Wodan-Speer gefällte Menschenopfer, rechts der Blutaar(?), ein "geritzter Aar" als Wodansopfer. Die künstliche Menschenform in der Nische wird das Blut des Opfers beim "Blotan" (die Opferhandlung) auffangen. Mit dieser Szene vermelden die Schöpfer des Bild-steins: Wir haben Wodans/Odins Altar am Externstein, das Bogengrab, gesehen, haben am Blotan teilgenommen! Wahrscheinlicher noch: Wir haben das Steinmal mit unseren Händen geschaffen und unser Zeichen eingeritzt!

Nirgends sonst findet sich eine solch eindeutige Wiedergabe des einmaligen Externstein-Arcosoliums. Nirgends wird so nachdrücklich meine Deutung der Bildergeschichte unterstrichen.  

 

 

 

Der Opferstein

 

Was mich beim Studium des Bildsteines Lärbro St. Hammars I elektrisiert hat, war die Abbildung des Opfersteins in der dritten Bildfolge. Wir nähern uns damit - weg von Deutung, Interpretation und Spekulation -  einem real existierenden Objekt.

 

Direkt unterhalb des Externstein-Felsens 1 (wg. des eingravierten Adlers hier Aarstein genannt) liegt ein großer Sandsteinblock, der sogenannte Sargstein in den ungefähren Maßen von 5 x 5 x 3 m. In den Block an der Nordwestseite ist eine Nische herausgeschlagen/- gearbeitet worden, kunstfertig mit einem wulstförmi-gen Bogen überwölbt. Unter dem halbkreisförmigen Bogen erstreckt sich im Fels-boden der Nische eine Ausformung, die durch die eingearbeitete Kopfhöhlung ersichtlich für die Aufnahme eines Menschen in ausgestreckter Lage geschaffen ist. Zu der Bogennische führen zwei gleich lange (schmale, unbegehbare !) Stufen, entsprechend der Basislänge der Nische. Auf dem hinteren Rücken des Felsblocks ist ein sich kreuzendes Zeichen eingemeißelt.

 

Dieses aus dem Felsblock herausgeschlagene Bogengrab - in der Fachsprache als Arcosolium (Bild 7) bezeichnet - ist in seiner Art und zur anvisierten Zeit einzig-artig in Europa diesseits der Alpen 9).

Vergleicht man nun das Bogengrab des Externsteins mit der dritten Bildreihe des Bildsteins Lärbro St. Hammars I (Bild 8), so ist die überaus exakt übereinstim-mende Darstellung zu erkennen: der rückwärtige Altar-Teil des Felsblocks mit dem gekreuzten Zeichen, die arcosolartige Wölbung über der Ebene, die zur Bettung des Menschenopfers bestimmt ist, darunter die beiden maßstäblich gleichen Stufen. 

 

Die  Entdeckung der Wiedergabe dieses einzigartigen Bogengrabes vom Externstein  auf einem gotländischen Bildstein entbehrt nicht  des Reizes einer Sensation. Doch besitzt das Thema anscheinend momentan weder in der Fachwelt noch in der breiten Öffentlichkeit Attraktivität. 

 

Die bildliche Überlieferung einer blutigen Opferszene innerhalb einer heidnischen Kulthandlung am Externstein-Arcosolium ist ein historisches Dokument, eine steinerne Urkunde. Der Kultus entspricht der schriftlichen Aufzeichnung des sächsischen Geistlichen Adam von Bremen, der noch im 12. Jhd. detailliert über ein heidnisches Opferfest im schwedischen Uppsala berichtete. Die bildliche Wiedergabe kann nur darauf zurückzuführen sein, dass der Meister die Opfer-szene am Aarstein mit seinen eigenen Augen hingebungsvoll verfolgt und entweder

a) das Arcosolium in seinen Einzelheiten zwecks Wiedergabe auf seinem                  Bildstein genauestens verinnerlicht hat 

      oder  

b) dieses Werk gemeinsam mit seinen Kollegen Steinbildnern selbst produziert      hat, um schließlich sein  Steinmetzwerk vom Götterwald im Osning auf                seinem Bildstein  zu Hause auf Gotland zu reproduzieren.

Im Falle b) ist anzunehmen, dass der Bildhauer das gekreuzte Zeichen, das sowohl auf dem Rücken des Bogengrabes als auch auf dem Altarstein des Bildsteins zu sehen ist, als sein persönliches Erkennungszeichen, als ein frühes Steinmetzzeichen in den Stein geschlagen hat. Oder könnte es sich tatsächlich um eine Einweihungsrune handeln? Jedenfalls war der Bildhauer so genial, dass er, um das rückwärtige Zeichen vom „Sargstein“ auf seinen Bildstein zu projizieren, den Rücken des Felsklotzes als einen separaten Altar ins Blickfeld gerückt hat. Es wäre eine zu seiner Zeit einmalige, grandiose Maßnahme zur Sichtbarmachung der räumlich rückwärtigen Ansicht des Altars.

Der Rücken des Felsengrabs könnte in der Tat in heidnischer Zeit als Opfertisch gedient haben, führen doch zwei schmale Treppen auf den Rücken des Bogengrabs, wo sie zusammentreffen und eine kleine Terrasse bilden. In der einschlägigen Literatur werden die Treppen  (z.B. Speckner  S. 112 f., Gsänger S. 165 f.) detailliert beschrieben. Dem Einwand, das Zeichen vom Altarstein sei nicht deckungsgleich mit jenem auf dem Bildstein von Lärbro, ist entgegen zu halten, dass fotografische Exaktheit nicht zu erwarten ist, zumal der Bildstein nach dem Umstürzen unter die Erde gelangte und nach dem Bergen zunächst restauriert werden musste. Die Zeichen und Bilder waren hier wie dort jahrhundertelang Klima- und Wetter-Unbilden ausgesetzt und haben stark gelitten. Die Rekon-struktion des Bildsteins kann nach der Misshandlung niemals hundertprozentig gelingen. 

Das Arcsolium am Externstein unterstreicht im Blick auf den gotländischen Bildstein Lärbro St. H. I, dass der Opferkult in Germanien im Freien stattfand, Gotteshäuser waren nicht bekannt. Nichtsdestotrotz muss man davon ausgehen, dass die in den Aarstein gehöhlten Grotten schon in heidnischer Zeit der Priester-schaft oder einem Idol zur Verfügung standen. Man könnte sogar so weit gehen, zu behaupten, dass die Grotteneingänge zum Aarstein auf dem Bildstein Ardre VIII (Bild 14) wiedergegeben sind,  - nicht real, sondern symbolisch. Der Extern-steinfels mit seinen drei Toren (Bild 12 im Kapitel "Der Einäugige") ist im Kopf des Bildsteins sinnbildlich dargestellt als Kultstätte Wodans, denn er ist auf seinem achtbeinigen Hengst Sleipnir anwesend und ergötzt sich an der Szene des über den Boden geschleiften Menschenopfers, dem  ihm zu Ehren arrangierten feierlichen Umzug (der Mythologiebewusste denkt dabei unwillkürlich an Homers griechischen Helden Achill, der rachedürstig den besiegten Hektor um Trojas Mauern schleift).  

Es gibt noch eine in Teilen akkurate Dublette dieser Szenerie. Auf dem Bildstein Alskog Tjängvide I (Lind.  Bd I, Figur 137, Tafel 57, Kommentar Bd. II, S. 15 f., hier ohne Abbildung) sitzt Wodan in gleicher triumphierender Pose auf seinem Ross, eine Blaupause des Pferdebildnisses von Ardre VIII.  In dieser Kopie trabt das Pferd über ein vielfach verschlungenes Heilszeichen. Der dreitürige Aarstein in Tjängvide I ist trotz der betrüblichen Beschädigung eindeutig wiedergegeben, ebenfalls sinnbildlich  zu betrachten. Das Opfer ist hier in Grablegeart, d. h. in liegender Stellung über dem Göttervater gebildet. Bei einem Vergleich der künstlerischen Ausführung beider Bildsteine ist von ein und demselben Meister auszugehen.

Die heutigen Mythologen haben sich mit denjenigen aus Sune Lindquists Zeit darauf geeinigt, dass die Abbildung des 3-Tore-Felsens der Palast Wodans im Götterhimmel Asgard, Walhall, zu bedeuten hat. Holzapfel (s. Lit.-Verz.) allerdings verzichtet darauf, in seinem Lexikon diesem Walhall-Abbild Geltung  zu verschaffen. Meine Erklärung bietet auch in diesem Falle  nachvollziehbaren,  unüberhöhten Aufschluss. 

 

Aber es gibt außer der Verewigung von Bogengrab/Opferstein und Aarstein auf einem gotländischen Bildstein weitere handfeste Hinweise, dass die skandi-navischen Insulaner das Heiligtum im Osning, dem heutigen Teutoburger Wald 10), wenn nicht geschaffen, so doch zumindest in einer Wallfahrt besucht und erkundet haben. 

 

 

 

9)  die unterste Stufe vom „Sargstein“ ist heute unter der aufgeschütteten Erde des Seeweges verborgen. Zum Arcosolium ausführlich Gsänger, a.a.O. S. 168 f. 

 

10)  der Name „Teutoburger Wald“ ist erst durch den Fürstbischof von Paderborn, Ferdinand II,  durch sein Geschichtswerk „Monumenta Paderbornensia“ 1672 in zweiter Ausgabe begründet worden. 

 

 

 

 

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© Der Götterwald Autor Siegfried Schröder Alle Rechte beim Autor