Bilder 5 und 6

Der gotländische Bildstein Lärbro Stora Hammars I (Fundort) misst in der Höhe im Sichtbaren 3,48 m! Die größte Breite des Kopfes ist 1,43 m, die des Halses ist 1,16 m (Sune Lindquist: "Gotlands Bildsteine", Band I, Tafel 27, Figur 81, Kommentar Bd. II, Seiten 86-87). 

Gefunden wurde er auf einer Wiese, wo der riesige Bildstein "in einer Stein-schüttung in geborstenem Zustand mit der Bildseite nach unten" verborgen war. 

Mir liegen zwei Fotos vom ATA vor, die sich nur in unwesentlichen Nuancen unterscheiden. Hier wird das Foto jüngeren Datums von Sören Hallgren aus 1965 gezeigt. 

In Bild 6 wird das bildlich Geschilderte vergrößert dargeboten. 

 

 

 

Ein gotländischer Bildstein spricht

 

Bilder erregen die Sinne, verursachen Nachdenklichkeit. Die von gotländischen Bildhauern wahrscheinlich im 8. Jahrhundert (Expertenmeinungen schwanken zw. dem 6. bis 9. Jhd.) geschaffenen übermannshohen Bildsteine verfolgten nicht nur diesen Zweck, sie wollten auch Ereignisse für immer im Bild festhalten und  nachfolgenden Generationen vor Augen führen. Der Bildstein von Lärbro Stora Hammars I (Bild 5, oben) fasziniert mit seiner Fortsetzungsgeschichte wie heutzutage die Comic strips in Zeitschriften. Sune Lindquist war mit seinem Sammelwerk, in welchem er die unter Grassoden, Sand und Geröll entdeckten Bildsteine beschrieb, Wegbereiter der Forschung 4). Inzwischen liegt ein weiteres ausführliches Werk des Autorenpaares Erik Nylén / Jan Peder Lamm vor 5)

 

Wir sehen die Bilder, erkennen vielleicht eine Reportage der germanischen Frühzeit und müssen feststellen, dass manche Inhalte im Laufe der Jahrhunderte durch die religiösen Umwälzungen der Vergangenheit vergessen wurden und heute nicht oder kaum mehr übersetzbar sind. Doch interdisziplinär könnte die Forschung vielleicht  zum Aussagekern vordringen. 

 

Mir trat der Bildstein erstmals in dem Buche „Der Glaube der Ahnen“ 6) entgegen. Dabei kam mir zugute, dass ein Ausschnitt der dritten Bildreihe vergrößert dargeboten wurde (Bild unten). Diese Vergrößerung gab den Anstoß zur Überprüfung  des Gesehenen. Meine Überzeugung, ich kenne den abgebildeten Opferaltar,  führte zu einer verblüffenden Entdeckung. 

 

Ich muss zunächst auf dem Pfade der Spekulation wandeln und eine Deutung der fesselnden Bildergeschichte vornehmen, einer Empfehlung des Statens Historiska Museums Stockholm (SHM) folgend. Meine Deutung weicht in mancher Beziehung von der Beschreibung in Lindquists Werk ab,  sie deckt sich mit der des Buchautors Bemmann. 

 

Die Geschichte beginnt im obersten Feld mit der Darstellung einer tanzenden Jungfrau (der lang herabfallende Zopf typisiert die Gestalt zur Frau) zwischen zwei Jünglingen, die ihre Schwerter gezückt haben. Eingeleitet wird der Schwertertanz von einem Heilsdreieck. Flügelschlagend beteiligt sich ein Vogel am Schwerttanz, der feierlichen Verabschiedungszeremonie aus der Heimat (diese meine Deutung wird sich im Laufe des Studiums der Bildergeschichte verfestigen). 

 

Das Bild darunter zeigt uns ein Pferd mit herabhängendem Zügel, zwei zur Seite gestellte Schwerter, zwei Männer (typisch: Spitzbart/Spitzkinn) mit zum Gruß erhobenen Händen und dargereichten Geschenken.  Die Objekte und Gestalten entziehen sich einer genauen Deutung. Der aus der Heimat verabschiedete Verband hat unverkennbar und bezeichnenderweise seinen Zielort beritten über Land erreicht. Die friedliche Begegnung wird durch die beiden abseits gestellten Schwerter demonstriert. -

Dass es sich bei der vom Künstler abgebildeten Szenerie tatsächlich um die Externstein-Örtlichkeit handelt, wird das nächste Kapitel "Der Opferstein" erweisen. 

 

Die dritte Bildreihe zeigt eine umfangreiche kultische Opferhandlung mit zwei Menschenopfern. Wir erkennen von links zunächst zwei Laubbäume. Die Krone des äußeren Baumes ist niedergebogen. An der Baumkrone ist ein mit Schild und Schwert vollkommen gerüsteter  Kämpfer als Hängeopfer *) angeknüpft. Seine Füße berühren noch den Boden. Ein Priester mit wadenlangem Gewand auf erhöhtem Podest legt eine Hand auf einen Altar, auf dem ein gekreuztes Zeichen eingeritzt ist. Rechts des Altars steht auf dem Podest ein Opferstein. Unter seiner Wölbung liegt, mit dem Gesicht nach unten, ein Mensch zur Opferung bereit. Der hinter dem Menschenopfer stehende lang gewandete Hohepriester – als solcher ist er wegen des Vorrechts, den Wodans-(Odins-) speer *) führen zu dürfen, anzusehen – hat den Speer über dem Opfer abgelegt. Er führt in seiner Rechten ein breites Messer. 

 

Es folgen vier besonders große, dominierende Männer, deren erster einen Riesenvogel der Opferstätte entgegen hält. Die  drei Krieger tragen Schilde und recken salutierend ihre Schwerter in die Höhe. Über Altar und Opferstein sind drei ineinander verwobene Dreiecke eingraviert 7), darüber fliegt in seiner typischen Sturzhaltung ein Adler (der Ase Odin wird symbolisch gern in Adlergestalt wiedergegeben). 

 

Der Adler wird begleitet von 

 

a) einem Vogel, der, Atzung erwartend, über der gebeugten Baumkrone mit           dem zum Hängen Vorgesehenen schwebt, 

b) einem schwer definierbaren Geschöpf (die von den Nordmännern häufig gehandhabte Symbolik lässt einen Drachen vermuten), -

    von einem Kreuzungspunkt zweigen nach unten drei Wurmarme ab,

    nach links oben verfließt ein Wurmfortsatz mit der Bildbegrenzung,

    während der fünfte nach rechts oben in einem buschigen Schwanz endet.

 

Ein waagerechtes Ornamentband unterbricht die in Stein gemeißelte Erzählung, beendet den ersten Teil der Bildergeschichte. Das Geschehen am Opferstein hat sein Ende gefunden. 

 

Darunter erzählt der Künstler in einer neuen Reise-Episode die glückliche Heimkehr per Schiff   (auf Gotland, selbstverständlich). Die Rückkehrer werden am Ufer der Heimat durch eine Fackel tragende Frau (Fürstin, Priesterin?) und drei Krieger begrüßt. Über den zum Gruß erhobenen Schwertern der Seefahrer sind eine Zange (eindeutig) und anderes Werkzeug abgebildet. Sie sollen dem Betrachter vermitteln, dass hier nicht eroberungswillige Wikinger, sondern  Handwerker, Kunsthandwerker anlanden, die der Zeit gemäß in gebotener Weise bewaffnet waren.

 

Die fünfte Bildfolge gibt eine dramatische Kampfszene wieder,  bei der ein unbe-waffneter Reiter getötet wird. Durch eine senkrecht eingemeißelte Linie wird demonstriert: der Getötete unter dem Pferd war dessen Reiter. Das Bild wirft einige Fragen auf:  Soll es ein schmachvolles oder ein - unter damaligen Rache-kultur-Gesichtspunkten - erfreuliches Ereignis überliefern? Vielleicht die notwendig vollzogene Rache für eine Freveltat? Rache zu üben war in archaischer Zeit für die Ehre des Bertroffenen unerlässlich. Oder sollte es sich etwa um eine hinterlistige, mörderische Auseinandersetzung zwischen den Handwerkern handeln, die gemeinsam ausgefahren waren, das ehrwürdige Heiligtum mit einem weithin berühmten Opferstein zu besuchen?

Alle Anzeichen sprechen dafür: das besuchte germanische Heiligtum war von außergewöhnlicher Anziehungskraft. Es war dem Heiligtum von Uppsala auf dem schwedischen Festland vergleichbar. Ein Heiligtum, dem sich die Sterblichen nur mit großer Ehrerbietung nähern durften. Ein Heiligtum, das sich bei Einführung des neuen Glaubens  dem gekreuzigten Christus beugen musste.

War es  etwa der Fesselhain der Semnonen, über den schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus 100 Jahre nach der Varus-Niederlage berichtet? Könnte dies gemeingermanische Externstein-Heiligtum dieser Fesselhain sein, der dem dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus tausend und einhundert Jahre nach Tacitus nicht mehr bekannt war, weil der Hain im Jahre 772 durch den Frankenherrscher Karl, den nachmaligen Kaiser Karl d. Gr., vernichtet worden war (?). Dies alles sind naheliegende Schlüsse und Fragen, die der Enträtselung harren.

 

Zurück zur Handwerkergeschichte  auf dem gotländichen Bildstein.  Was wohl haben die eigenartigen Quaste oder Schals, die an der Kleidung etlicher Personen befestigt sind, zu bedeuten? Runen, die sich auf den „Querborten, die oben und unten das fünfte Bild abgrenzen“, befinden sollen, sind weder in Lindquists Werks-Kommentar noch anderswo übersetzt oder überhaupt beschrieben 8).    Die Runen könnten ggf. über das Geschehen Aufschluss geben. 

 

Das unterste Feld des Bildsteins schmückt, wie zahlreiche andere Steine auch, ein mit Kriegsleuten bemanntes Segelschiff unter voller Takelage über wogenden Wellen. In Anbetracht der vorgenommenen "Studienreise" gotländischer Künstler zum Heiligtum Externsteine sind Handwerker darunter.  Die Männer im Boot hatten in jenen Zeiten neben dem Kunst- vor allem auch das Kriegshandwerk zu beherrschen. Darüber hinaus mussten die Insulaner auch, zugleich mit ihrem Boot, seetüchtig sein. 

 

 


4)   Lindquist, a.a.O., hier Figur 81, Tafel 27, Kommentar S. 86, 87

5)   Nylen / Lamm, a.a.O., S. 63

6)   Bemmann, a.a.O., Abb. 33 und 34, Text S. 130/131

7)   Bemmann, a.a.O. S. 130/131, erklärt sie als das Herz des Riesen Hrungnir            („drei knotenartig gebündelte Dreiecke, so wie es in der Hrungnirsage der            Edda beschrieben ist“)

8)   Lindquist, a.a.O. S. 86 unten und S. 87 oben

 

*) Ausführlich hierzu Jan de Vries in Bd. I, §§ 283, 284, Bd. II, § 376.  Die Kulthandlung in der dritten Bildzeile zeigt ein Tripel-Wodansopfer. Menschenopfer wurden allgemein allein dem höchsten Gott der Germanen dargebracht. Auch der dem Altar entgegen gehaltene Vogel ist demzufolge ein Wodan geweihtes Tier. 

 

 

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© Der Götterwald Autor Siegfried Schröder Alle Rechte beim Autor